Hej!

Du heiliger Strohsack! Jetzt auch noch Schweden. Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich hier mal leben würde, hätte ich mir laut lachend auf die Schenkel geklopft und mit dem Kopf geschüttelt. Aber jetzt sind wir hier, die Kisten sind längst ausgepackt und aus dem anfänglichen Urlaubsgefühl ist Alltag geworden. Wie aus fremd langsam zuhause wird, könnt Ihr hier lesen und hören.



Der Schweden-Podcast

JENSEITS VON BULLERBÜ

Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die einem die kulturellen Unterschiede zwischen Schweden und Deutschen deutlich machen - und die einen oft zum Schmunzeln oder auch zum Haareraufen bringen. In meiner Podcast-Reihe "Jenseits von Bullerbü" bekommt Ihr einen Eindruck davon. Viel Spaß beim Anhören!


Göteborgs rauher Westküsten-Charme

Göteborg ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Sie hat sich in weiten Teilen den rauen Charme einer ungeschliffenen Industrie-Hafenstadt bewahrt, davon zeugen die alten Kräne und wuchtigen Backsteingebäude am Göta-Ufer. In Stadteilen wie Haga oder Majorna finden sich noch ganze Reihenhaus-Züge in der alten Holz-Bauweise. Und klassizistisch muten die Gebäude am Hafenkanal an, die unter anderem das Stadtmuseum beherbergen.   


Guten Tag, wir sind die neuen Nachbarn

Wenn man effizient und zugleich entspannt in ein anderes Land umziehen will, macht man es am besten so wie wir: Man kündigt seine alte Wohnung und verlässt das Land einen Tag nach der endgültigen Abnahme. Alle Sachen sind kurz vorher schon in einem grossen Laster gepackt und auf die Reise Richtung Norden geschickt worden. Wir selber gondeln gemütlich hinterher. Erste Station ist Köln, zweite Station Hamburg. Von dort dann die letzte Etappe - mit Spannung und Freude im Herzen. Ich habe das Haus, das wir beziehen, noch nicht gesehen. Göteborg kenne ich nur von einem Wochenend-Besuch, an dem wir uns die Stadtteile angesehen haben, in denen wir wohnen, bzw. nicht wohnen wollen. Zwei Tage reisen wir noch durch Südschweden, bevor wir die letzten 100 Kilometer bis Göteborg in Angriff nehmen.

 

Unser Einzugstag ist straff durchgeplant. Wir sind für 9:30 zur Hausübergabe verabredet und haben das Umzugsunternehmen für 11 Uhr bestellt. Noch am gleichen Tag packen wir alle Kisten aus und verteilen den Inhalt wüst in allen Zimmern. Es hat den positiven Effekt, dass wir am nächsten Morgen dem Umzugsunternehmen die leeren Kartons wieder mitgeben können, dafür sieht es im ganzen Haus aus, als sei eine Atombombe explodiert. Nach zwei Tagen haben wir aber die meisten Dinge wiedergefunden, eingeräumt und das Haus ist tatsächlich Umzugskisten-frei.

Die meisten unserer neuen Nachbarn sind in den Ferien als wir einziehen, aber die, die da sind, kommen, um uns zu begutachten. "Welcome to the neighborhood".

Alle machen einen super netten und entspannten Eindruck und bieten ihre Hilfe an, falls wir etwas brauchen. Einmal spricht mich einer der Nachbarn an, als ich mit dem Hund unterwegs bin. "Ist alles in Ordnung?" fragt er. Ich schaue irritiert drein. Sehe ich traurig oder verzweifelt aus? "Alles bestens", sage ich. Johann hebt den Daumen und ist zufrieden. Er will einfach nur wissen, ob es mir gut geht.

 

Wir beschliessen, nach den Sommerferien zu einem ungezwungenen Apéro einzuladen. Das hat den Vorteil, dass man alle auf einem Fleck hat und die Namen mit Gesichtern verbinden kann. Schliesslich gibt es allein in der direkten Nachbarschaft zwei Calles. Fast alle kommen. Es wird ein netter und ungezwungener Abend und wir freuen uns, so nette Nachbarn zu haben.



Wo sind die Steckdosen?

Das Haus in dem wir wohnen, ist eine architektonische Besonderheit, hat man uns beim Einzug gesagt. Das Treppenhaus sei quasi gegenläufig konzipiert. Die Treppen nach oben und unten haben nicht, wie in den meisten Gebäuden, einen gemeinsamen, offenen Schacht. Das führt dazu, dass wir ständig um diese Achse eiern, wenn wir etwas in den Keller bringen wollen und ganz erstaunt sind, dass neben der Treppe nach oben statt des Keller-Abgangs ein rot-weisser Ball-Chair steht, in dem unser Hund schläft.

 

Es ist ein altes, charmantes Haus, in dem vieles schon renoviert wurde, vieles aber auch nicht. Unter anderem gibt es noch Porzellan-Sicherungen und Aufputz-Leitungen und im Badezimmer keine einzige Steckdose. Wirklich keine einzige. Wo zum Teufel putzt man sich die Zähne mit einer elektrischen  Zahnbürste oder föhnt sich die Haare? Die Ladestation für Zahnbürste und Rasierer stehen jetzt im Bücherregal im Flur und der Föhn liegt im Wäscheschrank. Dafür hat der Hausherr einige "smarte" An- und Ausschalter mit einer App gekoppelt: Leider lässt sich die Markise nur bedienen, wenn das Terrassen-Licht permanent brennt. Ts.




Kein Anschluss ohne diese Nummer

Es ist ein komisches Gefühl, wenn man von einem Land in ein anderes zieht, selbst wenn beide mitten in Europa liegen. Wir hatten uns in der Schweiz ordnungsgemäß abgemeldet und waren - während unserer etwa dreiwöchigen Tour von Süd nach Nord - quasi heimatlos. Und als wir in Schweden ankamen, merkten wir ziemlich schnell: Ohne die heilige "Personen-Nummer" geht hier nichts. Kein Mobilfunk-Vertrag, kein Bankkonto, keine Krankenversicherung, kein Abo bei der städtischen Müll-Entsorgung, einfach nichts. Die "Personen-Nummer" ist sozusagen der Integrations-Zugangscode. Er setzt sich zusammen aus dem Geburtsdatum und einer weiteren Zahlenkombination und wird von der Steuerbehörde vergeben. Danach ist man gläsern, sämtliche persönlichen Informationen werden unter dieser Nummer gespeichert und sind im Internet frei aufrufbar.

 

Knapp einen Monat dauert es in meinem Fall, bis ich die begehrte Nummer endlich bekam. Bei meinem Lebensgefährten ging es etwas schneller. Uns half, dass er mit einem festen Arbeitsvertrag nach Schweden gekommen war, die Bank deshalb ein provisorisches Konto einrichtete und wir ausserdem bei Behördengängen die Unterstützung einer Relocation-Agency hatten. Wie schwierig das alles ohne ist, lese ich immer wieder in Expat-Foren im Internet. Dort schrieb neulich jemand: "Hey, ich habe ein Jahr ohne Personen-Nummer in Schweden überlebt. Die Reaktionen auf den Post schwankten zwischen Unglaube und Bewunderung.