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Gott nytt år! Oder wie wir uns Silvester nicht vorgestellt hatten

Wir verbringen Silvester - so wie im vergangenen Jahr auch - an der Küste in Marstrand. Dieses Mal allerdings im Festland-Teil des Ortes mit Blick auf die Insel. Weil uns ein Freund abgesagt hat, buchen wir kurzerhand das Silvester-Arrangement in Marstrands Havshotell. Sekt- Empfang, 5-Gang-Menu und Party mit Live-Musik - das Abend-Programm klingt wirklich nett und wir beschließen, es richtig krachen zu lassen. Auch das Wetter scheint uns am letzten Tag des Jahres für all seine Hässlichkeit in den vergangenen Monaten entschädigen zu wollen. Doch unser Aufenthalt beginnt schon holprig. Ich hätte das Hotel bei der Buchung informieren müssen, dass wir einen Hund mitbringen, sagt mir die Rezeptionistin beim Einchecken. Haustiere sind zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur in speziellen Zimmern. Jetzt müsse man erst schauen, ob noch eines davon verfügbar sei. Ist es zum Glück, sonst hätten wir wohl im Auto übernachten müssen. Aber wir können das Zimmer erst gegen drei Uhr am Nachmittag beziehen. Das finden wir nicht weiter schlimm, wir wollen ohnehin noch eine ausgedehnte Küstenwanderung machen. Unterwegs sehen wir immer wieder kleine Grüppchen von Leuten, die zwischen den zerklüfteten Felsen picknicken, dampfende Teebecher oder Bierdosen in den Händen. Auf einem kleinen Plateau prosten sich zwei Frauen mit Piccolos zu. 

Als wir später ins Hotel-Spa kommen, herrscht auch dort schon Party-Stimmung. Man muss dazu sagen, dass es in Schweden durchaus üblich ist, mit einem Bier (oder adäquaten Alkoholika) in die Sauna zu gehen - oder sie zumindest gleich im Anschluss zu trinken. In unserem Hotel-Spa gibt es sogar eine kleine Bar, die alle Getränke in Plastikgläsern ausschenkt, Scherben könnte man hier unten wirklich nicht gebrauchen. Das wird sicher ein lustiger Abend, denke ich, während ich auf meiner Ruheliege gemütlich ein Gläschen Sekt schlürfe. Um sieben Uhr machen wir uns schick angezogen auf den Weg in die Hotel-Lobby. Dort haben sich schon die meisten Gäste vor einer Bühne versammelt, auf der eine Live-Band spielt. Alle plaudern angeregt und schauen neugierig, wenn jemand neues dazu kommt. Kellner bringen Tabletts mit Sekt-Gläsern, alles ist festlich dekoriert und vor der Fensterfront schwebt eine große 2020 aus glänzenden Ballons. Gerne hätte ich hier noch ein bisschen gestanden, die Atmosphäre genossen und vielleicht das Gespräch mit jemanden gefunden, aber wir werden sogleich zu unserem Tisch geführt. 

Ab jetzt geht es mit der Party-Stimmung rapide bergab. Links von uns sitzt eine Gruppe von Schweden, offenbar ein Freundeskreis, rechts von uns ein junges Paar, auch Schweden. Die beiden sagen nicht einmal "Hallo", als wir uns setzen und zu ihnen hinüberschauen. Sie wirken seltsam freudlos und fehl am Platz. Die Gruppe auf der anderen Seite ist mit sich beschäftigt. Kersten und ich beschäftigen uns deshalb auch mit uns selbst - und natürlich mit dem Essen. Es ist wirklich ein sehr schönes Menu mit einer sehr guten Weinbegleitung. Zum Glück haben wir auch immer etwas zu reden und sind schon bald in unsere Zukunftspläne und die Frage vertieft, wie lange wir noch in Schweden bleiben wollen. Es ist schon gegen elf, als das Dessert serviert wird.

Ich bin kurz mit Bella draußen gewesen und komme in der Erwartung zurück, dass sich Kersten mit irgendjemanden in angeregter Unterhaltung befindet. Aber er sitzt da ganz allein vor meinem noch vollen Nachtisch-Teller, während sich die Tische um uns herum schon merklich geleert haben. Wohin sind die Leute plötzlich verschwunden, fragen wir uns und denken, dass sie sicher zur Bar oder auf die Tanzfläche gegangen sind. Doch als wir dorthin kommen, ist es erstaunlich leer. Vermutlich haben sich viele ihren eigenen Alkohol mitgebracht und trinken ihn jetzt auf dem Zimmer. Wir bestellen uns einen Gin Tonic, stehen an der Bar oder tanzen - die Band ist gut. Immer wieder lassen wir die Blicke durch den Raum schweifen, aber wirklich niemand scheint ansatzweise Interesse zu haben, sich mit uns zu unterhalten. Alle bleiben für sich. Wir finden die Situation fast schon lustig und machen das Beste daraus. Um zwölf Uhr kommen wieder alle in die Lobby (es gibt schließlich Sekt umsonst), gemeinsam zählen wir die letzten Sekunden des alten Jahres herunter und rufen dann "gott nytt år!". Und wieder bleiben alle für sich. Niemand kommt auf die Idee, einen wildfremden Menschen zu herzen oder zu umarmen und ihm ein frohes, neues Jahr zu wünschen, so wie man es Silvester eben macht. Wir schauen uns draußen das Feuerwerk über der Insel an. Von dieser Seite aus kann man es viel besser sehen. Danach ist uns irgendwie nicht mehr nach dieser seltsamen Veranstaltung und so gehen wir auf unser Zimmer und machen unsere eigene kleine Party. Um kurz nach eins sind wir im Bett. Mann, wir haben es wirklich krachen lassen! 

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Kommentare: 2
  • #1

    Michael Paufler (Sonntag, 02 Februar 2020 18:45)

    Hallo liebe Simone, das ist ein wirklich schöner Blog - tolle Idee von Dir! :) Interessant, wie die Schweden so ticken ...und Neujahr feiern! :D Ich selbst bin ja auch schon mehrere Male in Schweden gewesen, in Urlaub..im Sommer! Einmal sogar ( und das war zuletzt) in Göteborg, während des West-Side(?) Musik-Festivals in dieser Grünanlage, etwas außerhalb. Was ich so von Dir höre,..naja, ich krieg schon hier in Baden-Baden den Winterblues ;) .. ich glaube, im Winter wäre das nix für mich. Aber interessant ist es in jedem Fall, mal etwas völlig anderes zu durch'leben'! Ich hoffe natürlich Dir und Kersten geht es gut!? Lasst die Sonne rein! ... und freut Euch auf den 'coolen' Sommer! Liebe Grüße Michael

  • #2

    Simone Franzke (Dienstag, 04 Februar 2020 16:46)

    Hej Michael! Es freut mich total, dass Dir der Blog gefällt. Ja, tatsächlich ist der Alltag in einem anderen Land dann doch immer ein bisschen anders, als wenn man nur in Urlaub dort ist - da kann man sich den nicht ganz so angenehmen Dingen nicht immer entziehen. Aber das hast Du bei Deinem Sabbatical bestimmt auch erlebt. Ansonsten geht es uns prima - jeder Sonnenstrahl wird zelebriert ;-) Liebe Grüße, Simone