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Zimtschnecken 3.0

Ich bin kein wirklich guter Bäcker. Backen erfordert im Gegensatz zum Kochen eine gewisse Präzision. Mengenangaben lassen sich - wenn die Zutaten einmal zu einem Teig zusammengerührt und in den Ofen geschoben sind - nur noch schwerlich nachjustieren. Ich schaffe es immer wieder, wichtige Zutaten zu vergessen oder Arbeitsschritte in Rezepten einfach zu überlesen. Deshalb klappt es auch nur mit dem Roggensauerteig-Brot einigermassen gut, dessen Zubereitung ich inzwischen auswendig und im Schlaf beherrsche. Also überließ ich die Herstellung von Zimtschnecken - auf Schwedisch Kanelbullar - lange Zeit den Back-Experten. Oder zumindest Supermarktketten, die einigermaßen passable Exemplare produzierten. 

 

Wie glücklich war ich deshalb, als ich nach unserem Umzug in den äußersten Osten Göteborgs in unseren neuen Nachbarschaft einen "Privat-Bäcker" entdeckte, der auf Bestellung immer freitagnachts Brot, Brötchen und eben Zimtschnecken bäckt. Das funktioniert so: Man schreibt  auf Facebook eine holprige Nachricht auf Schwedisch und fragt, ob man sex frallor und fyra kanelbullar haben kann - sechs Brötchen und vier Zimtschnecken. Michael antwortet stets mit ok und am Samstagmorgen trottet man zu dem blauen Holzhaus, wo er in seiner Garage einen Bäcker-Ofen stehen hat. Dort sitzt er dann in Bäckerhose und einem weißen T-Shirt einem Klappstuhl, liest Zeitung und wartet, bis die Nachbarschaft ihre Bestellung abholt. Das ist so unglaublich liebenswert, wie man es sich nur in einem Film aus Schweden vorstellen kann! Man hält einen kurzen, wenn auch holprigen Schwatz über das Wetter oder die Rezeptur einer Backware, wünscht en trevlig helg und trottet mit seiner Tüte nach Hause, wo das Frühstück auf einen wartet. Bezahlt wird übrigens - trotz aller Idylle - bargeldlos, mit Swish (einer Bezahl-App) oder mit Kreditkarte.

 

Das Ganze hätte ewig so weitergehen können, wäre nicht der Freitag zu unserem bevorzugten Trink- und Ausgeh-Abend geworden. Wir wissen nicht, ob es am Alter liegt oder daran, daß wir grundsätzlich weniger trinken. Fakt ist, WENN wir trinken, brauchen wir morgens ein paar Stündchen länger im Bett, die uns zumindest unser Hund gerne gewährt, nicht aber der Privat-Bäcker. Um spätestens neun haben die meisten Kunden ihre Bestellungen nämlich abgeholt - viele davon Familien mit Kindern, bei denen entsprechend früh gefrühstückt wird. Nachdem ich ein paar Mal den Eindruck hatte, daß Michael nur meinetwegen noch in seiner Bäckerei-Garage herumsitzen musste, fühlte ich mich so unbehaglich, daß ich beschloss, selber zu backen.

 

Und da sind wir nun bei meiner ersten Ladung Zimtschnecken. Sie sahen toll aus! Wie vom Bäcker! Ich war so stolz! Und sie schmeckten richtig gut. Nur leider überhaupt nicht nach Zimt. Kein bisschen. Was vermutlich daran lag, daß das verwendete Zimtpulver bereits aus der Schweiz mit nach Schweden umgezogen war. Es hatte vollkommen sein Aroma verloren. Die zweite Ladung - mit frischem Zimtpulver und geriebenen Kardamom - war geschmacklich super. Allerdings hatten die Schnecken ein paar Umdrehungen zu viel und waren nicht richtig aufgegangen. Das hat man davon, wenn man den Teig zu häufig aufrollt. Heute also Versuch Nummer drei: reichlich Füllung und nicht zu viele Lagen. Was soll ich sagen, es hat geklappt! Das Probierschneckchen war ein Traum - die anderen warten jetzt im Gefrierschrank auf ihre samstägliche Aufback-Erstehung.

 

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