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Schweden in der Corona-Krise: Latte Macchiato und Wurst im Brot

Ich war heute seit längerem wieder in der Stadt. Und es fühlte sich falsch an. Obwohl es hier in Schweden nach wie vor kaum bindende Restriktionen von Seiten der Regierung gibt, haben wir unser Sozialleben quasi auf null herunter gefahren. Mein Freund arbeitet von zu Hause, ich helfe einer Kollegin beim Katalogisieren und Einbinden von Büchern für unsere Schulbibliothek - ebenfalls bei ihr zu Hause. Obwohl die internationale Schule, an der ich arbeite, immer noch geöffnet ist, sind kaum noch Kinder dort. Die Klassen werden deshalb zusammen gelegt, mein Bibliotheks-Unterricht fällt aus. Stattdessen also zu Hause bleiben und maximal mit dem Hund in Schwedens weiter Natur spazieren gehen. Heute allerdings muss ich in ein spezielles Geschäft, um etwas zu besorgen, das ich im Internet nicht finden kann. Ich nehme extra den Motorroller, um öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden und gurke umständlich durch Göteborgs Innenstadt. Mein Eindruck auf dem Weg zum Geschäft: Eigentlich alles fast so wie immer unter der Woche, vielleicht ein bißchen leerer. Die allermeisten Geschäfte haben geöffnet, die meisten Cafés und Restaurants auch.

Auf dem Platz vor dem Geschäft (in Göteborgs Design- und In-Viertel) sitzen die Menschen in der Sonne und essen zu Mittag. Auch die Foodtrucks, die dort "Korv", also Würstchen mit Spezial-Toppings oder Aisa Food verkaufen, haben geöffnet. Es riecht köstlich! Niemand scheint hier besondere Vorsicht walten zu lassen, geschweige denn einen Mindestabstand einzuhalten. Ich möchte mich auch zu gerne in die warme Sonne setzen, einen Kaffee geniessen und so tun, als geben es Corona nicht. Aber meine Vernunft sagt mir, daß ich den Kaffee auch ganz risikolos auf unserer Veranda haben kann und so mache ich mich wieder auf den Heimweg.

Erst zu Hause am Rechner fällt mir das Plakat im Hintergrund meines Fotos auf. "Seife + Wasser, so schaffen wir die Klimakrise spät", steht darauf geschrieben. Klimakrise? Ich suchte nach Hinweisen im Netz. Tatsächlich hängt dieses Plakat noch nicht sehr lange am Baugerüst an der Magasinsgatan. Es ist Teil einer Plakat-Aktion, die seit ein paar Tagen offenbar die Eindämmungsmaßnahmen der schwedischen Regierung gegen Corona verballhornt - oder besser gesagt die "NICHT-Maßnahmen". Ein anderes Plakat fordert: "Alle Macht (Anders) Tegnell unserem Staats-Epidemiologen", ebenfalls kombiniert mit dem Aufruf zum Hände waschen. Wer dahinter steckt, ist unbekannt. Es zeigt jedenfalls, daß offenbar auch manche Schweden nicht genau wissen, was sie von der Corona-Strategie ihrer Regierung halten sollen. 

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