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Fische die bellen, beissen nicht

"Haben Sie etwas gefangen?" fragt mich der Mann, der über die Felsen von Stora Amundön klettert. Ich schaue von meiner Angel auf und schüttele den Kopf. "Nein, leider nicht", sage ich und deute auf das Gewirr aus Angelschnur. "Ich fürchte, ich muss hier erst einmal etwas reparieren." Drei Mal habe ich meine Angel - das günstige Junior-Einsteiger-Modell eines französischen Sport-Discounters - zuvor ausgeworfen, dann halte ich plötzlich die Kurbel in der Hand, während sich deren Sicherungs-Schraube mit einem leisen "Pling-Plang-Plong" den Felsen hinab davon macht. Gerade noch rechtzeitig kann ich sie mit dem Fuß aufhalten. Doch mein Triumph währt nur kurz: Es gelingt mir nicht mehr, die Rolle wieder zusammenzusetzen. Und so gestaltet sich das Einholen der Leine per Hand ziemlich mühsam und führt zu Schlaufen und Knoten. Entnervt packe ich schließlich meine Sachen zusammen und mache mich auf den Heimweg. Zu Hause wird die Angel notdürftig repariert und in unseren Schuppen gelegt. Dort schläft sie bis zu diesem Frühjahr. Da komme ich per Zufall mit einem Kollegen auf das Thema Angeln zu sprechen und er schwärmt von den wunderschönen Seen und den Forellen, die dort quasi freiwillig an den Haken springen. Das ist die Initial-Zündung für unser neues Hobby. 

 

Enthusiasmus schützt vor Dilettantismus nicht

Wir verabreden uns mit dem Kollegen an einem kalten, aber wunderschönen Sonntagmorgen an einem See im Nordosten von Göteborg. Wir rücken mit unserem "Junior-Einsteiger-Modell" und der Köderbox an, die beim Kauf der Angel dabei gewesen war und von deren Inhalt wir Sinn und Zweck nur erahnen. Ausserdem haben wir Schweizer Käse, Käserinde und Hundeleckerlis eingepackt. In den einschlägigen Angler-Foren, die wir vorab noch konsultiert haben, steht, daß Forellen so etwas mögen. Alles, was auch im Wasser stark riecht. Ich kann mir gut vorstellen, daß ein aufgequollener Hundekeks für eine hungrige Forelle, die gerade aufgestanden ist, ein Luxus-Frühstück sein muss. Der Kollege hat seine Frau und seine beiden Kinder mitgebracht. Später kommt noch ein weiterer Kollege mit Familie hinzu, alle werden von unserem Hund mit lautstarkem Bellen begrüßt. Wir lachen, schreien und rennen herum, Steine und Äste werden ins Wasser geworfen und ich frage mich, wie ich das wohl fände, wenn ich eine Forelle wäre. Ich glaube, ähnliches denkt sich auch mein Kollege und so verstreuen wir uns entlang des Seeufers und werfen unsere mehr oder weniger professionellen Köder aus. Und dann passiert es. Just als wir denken, den perfekten Spot gefunden zu haben, beschließt die Angel ein weiteres Mal, sich in ihre Einzelteile zu zerlegen. Vermutlich aus Protest gegen so viel Dilettantismus. Die kleine Sicherungsschraube für die Kurbel verschwindet auf nimmer Wiedersehen im dichten, trockenen Gras. Seufzend machen wir uns auf den Weg zurück zu unseren Freunden.

Kurz darauf fahren wir noch zu einem anderen See, aber auch dort haben wir kein Glück, während der Kollege nach wenige Minuten eine wunderschöne Regenbogen-Forelle aus dem Wasser zieht. Ein wenig frustriert fahren wir nach Hause. Und verbringen die nächsten Abende damit, Experten-Foren zu durchforsten und Angel-Videos anzuschauen. Wir beschließen, daß wir als erstes eine neue Rolle für unsere Angel kaufen müssen. Und vielleicht ein paar vernünftige Köder. Doch der Mann im Geschäft hat uns kommen sehen und am Ende verlassen wir den Laden mit zwei neuen Ruten, einem Klapp-Käscher und einem Haufen Ausrüstung. Es fühlt sich aber gut an, denn wir sind uns sicher, daß wir damit säckeweise Fische fangen werden. 

Komm, Fischi-Fischi, komm! 

Zwei Wochen  sind seitdem vergangen. Wir haben es an der Küste zwischen den Schären versucht. Wir saßen bis Sonnenuntergang an einem stillen Waldsee. Wir froren uns frühmorgens den Hintern an einem glasklaren Innlands-Fjord ab und wurden gestern fast vom Nordwind ins Meer geweht - aber ohne Erfolg. Nichts wollte die sorgsam ausgewählten Blinker, Spoons und Fliegen verzehren. Stattdessen fingen wir jede Menge Seegras, eine Birke und verloren einen wunderschön schillernden Blinker an den Seegott des Lygnern - die Haken hatten sich irgendwo am Seegrund zwischen den Steinen verkantet und wir mussten die Leine durchschneiden. Wir haben es sogar mit dem Beschwörung-Ruf unseres Angel-Guides beim Reef-Fishing auf den Bahamas versucht, aber auch das nützte nichts. Dazu kommt, daß unser Hund unsere neue Freizeit-Beschäftigung total bescheuert findet. Für Bella - mit ihrer Jagdhund-Nase - gibt es nichts Schlimmeres, als an einem Ort bleiben zu müssen. Sie möchte viel lieber einer Hasenspur in den Wald folgen und wenn sie es versucht, verheddert sich mit der langen Leine zwischen den Bäumen und jemand muss sie befreien. Irgendwann wird es ihr dann zu dumm und sie beginnt erst zu jaulen und dann zu bellen, was uns sehr deutlich sagt: ICH MÖCHTE JETZT GEHEN! Alles in allem ist Angeln mit einem agilen Jagdhund als Begleitung also ziemlich umentspannt und erhöht nicht unbedingt unsere Fang-Quote.

Morgen Abend geht mein Freund mit einem alten Angel-Hasen ans Meer. Der Hund bleibt zu Hause und ich auch. Erst habe ich gemeckert und gemault, schließlich ist das unser GEMEINSAMES neues Hobby. Aber jetzt bin ich gespannt und denke: Macht Ihr nur, ein bißchen Angel-Nachhilfe kann nicht schaden. Vielleicht klappt es dann ja mit der Meeresforelle und ich muss für Freitag keine Fischstäbchen kaufen.

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